Halbe Wahrheiten?
Vielerorts liest man immer wieder, dass Legasthenie eine nicht heilbare Krankheit sei. Dies trifft nach unseren Erfahrungen nicht unbedingt zu. Die Experten sind sich in weiten Bereichen uneinig, ein festes Konzept scheint nicht greifbar.

Gern wird die "phonologische Bewusstheit" ins Feld geführt - eine in der Tat wichtige Voraussetzung, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Durch sie erfolgt kurz gesagt die Zuordnung der Buchstaben zu Klängen und umgekehrt.

Nicht jeder hat jedoch die recht offensichtliche Tatsache erkannt, dass nach dem grundsätzlichen (!) Lernen eine komplett andere Verarbeitung beim Lesen und Schreiben stattfindet: der visuelle Schnellabgleich. Viele der "amtlich geprüften" Legastheniker (also die mit Attest) haben beileibe kein Problem mit ihrer "phonologischen Bewusstheit" - im Gegenteil: sie wenden sie auch dort an, wo diese nichts mehr zu suchen hat.
Der Unterschied
Während Sie diesen Text lesen, überlegen Sie sich doch mal Folgendes: Wie genau schauen Sie sich die einzelnen Buchstaben an? Wieviel Augenbewegungen sind nötig für das Lesen einer Zeile? Ich nehme an, Sie werden sich die Buchstaben im Einzelnen gar nicht mehr betrachten und Ihre Augen machen 2-3 Sprünge pro Zeile. Wie wissen Sie dennoch, was hier geschrieben ist?

Die Lösung ist einfach: Sie haben all die Worte bereits schon einmal gelesen - sie sind in Ihrem "visuellen" ("Seh-") Gedächtnis hinterlegt. Ein kurzer Blick auf die Zeile führt zum Wiedererkennen bereits bekannter Worte - und die Bedeutung ist Ihnen damit auf Anhieb klar, in kürzester Zeit.

Der Unterschied zwischen einem Legastheniker und Ihnen ist womöglich einfach, dass dieser schlichtweg auf die Worte in seinem Gedächtnis nicht zugreift - er muss sich den Text Buchstabe für Buchstabe vorlesen und erfährt dann erst durch den Klang, was das Wort eigentlich bedeutet.

Überrascht? Lesen Sie doch mal folgende Zeile, und zwar jedes Wort von hinten nach vorne: nebah eiS enie gnulletsroV, eiw dnegnertsna sad tsi ? Diese Mühe hat ein "Legastheniker" auch beim Lesen eines normalen Textes.

Die viel zitierte "mangelnde Konzentrationsfähigkeit" ist wohl nur eine Begleiterscheinung dieses äußerst mühevollen Prozesses. Dieser Unterschied spielt auch beim Schreiben diee zentrale Rolle.
Strategieänderung

Anstelle nun das "Hören" von einzelnen Buchstaben perfekt zu trainieren (oftmals Grundlage vieler Legasthenie- Institute) und aus einem Legastheniker einen "perfekten" Legastheniker zu machen, macht es Sinn, die inneren Verarbeitungsstrategie zu verändern.
Sehen statt hören. Spätestens, wenn ein "Legastheniker" uns beim zweiten Treffen wiedererkennt, wissen wir, dass er grundsätzlich über einen visuellen Speicher verfügt - er muss nun noch lernen, darauf zuzugreifen.

Im Gegensatz zu den mühsamen langjährigen Maßnahmen zum Erlernen des "Subvokalisierens" (genaues Hören und Zerlegung der einzelnen Worte im "inneren Ohr" in ihre Buchstaben mit einem mehr oder minder akzeptabelen Ergebnis, je nach Dialekt) benötigt man mit der NLP- Strategiearbeit (nach Dilts) 3-6 Sitzungen für die Strategie- änderung vom Hören zum Sehen.
Besonders wichtig sind dabei auch Elternberatungen, damit auch zuhause eine Umgebung geschaffen wird, die sinnvoll die Entwicklung der neuen Strategie unterstützt. Oftmals muss auf Schul- Prüfungs- und Versagensängste und Ähnliches Einfluss genommen werden, da die alte Strategie auch stark an solche unangenehmen Zustände gekoppelt ist
Die Verankerung und Entwicklung der neuen Strategie kann unter anderem mit spezieller Computersoftware verstärkt werden.

Die Grenzen

Manche "Legastheniker" scheinen tatsächlich eine Fehlfunktion in der Wahrnehmung zu haben.
Ihre Augen werden entweder "verkehrt" angesteuert, so dass die Wahrnehmung nur unzureichend stattfindet, oder die Verarbeitung des Gesehenen funktioniert nur suboptimal. Genaue Ursachen scheinen strittig, ein erklärbarer Ansatz wäre u.a. die Winkelfehlsichtigkeit.
Als Ergebnis sehen sie von vorneherein nur einzelne Buchstaben klar, der Rest verschwimmt oder wackelt.
Diese Kinder hätten hier  nicht die Möglichkeit, ganze Worte in ihren Seh- Speicher aufzunehmen und können daher logischerweise auch nicht später auf sie zugreifen. Ihre einzige Möglichkeit bleibt eben das Lesen (und Schreiben) "Buchstabe für Buchstabe". Dieser Wahrnehmungsfehler wird nun leider auch nicht in normalen Sehtests erkannt, denn dort geht es nur um die Erkennung eben einzelner Zeichen.
Prof.Dr.B.Fischer (Uni Freiburg) entwickelte hierzu einen Trainingsmethode (FixTrain, siehe Linkliste)
Leider scheint es nur wenige Augenärzte zu geben, die dieses spezifische Wahrnehmungsproblem untersuchen. Es scheint auch so zu sein, dass optische Hilfsmittel (Prismenbrillen gegen Winkelfehlsichtigkeit) nur mit großem Aufwand anzupassen sind und in kurzen Zeitabständen abgeändert werden müssen. Andere Ärzte hingegen sind der Meinung, dass die Hypothese der Winkelfehlsichtigkeit ein Irrweg sei und schlimmstenfalls zu schwer zu behebenden Fehlanpassungen des Auges führen kann (Dr. Heinz, Hof)
Eine weitere Ursache könnte in einer mangelnden Zurückbildung des sogenannten "Tonischen Labyrinth Reflexes" liegen, welche offenbar zu Spiegelfehlern und Buchstabenvertauschung führen kann (http://www.schulschwierigkeiten.de/deutsch/neuro.html)
Diese Prozesse scheinen variabel durch das Wachstum beeinflusst zu werden. Es gibt jedoch auch Überlegungen, dass diese fehlerhafte Wahrnehmung womöglich psychisch beeinflusst werden könnte - hier jedoch fehlen uns reproduzierbare Daten.

Wir haben jedoch folgende Beobachtung gemacht:
die Winkelfehlsichtigkeit scheint oft im Laufe des Wachstums zu verschwinden. Wir haben ein extrem schnelles und tiefgreifendes Lese- und Schreibverständnis nach Strategieänderung bei jugendlichen und erwachsenen "Legasthenikern" beobachten können.
Daher kann eine Strategie-Intervention auch (und gerade) bei Erwachsenen durchaus Sinn machen

Legasthenie im Internet
 
Begriffsunsicherheiten
Es mag sicherlich den Einen oder Anderen stören, wie wir begriffsmäßig mit dem Wort Legasthenie umgehen. Wir bitten dafür um Verständnis - nachdem sich Ärzte, Psychologen, Schulämter und andere Behörden in ihrer Definition uneins sind, sei uns hier erlaubt, ein wenig undifferenziert von diesem Wort Gebrauch zu machen.

Gern würden wir öffentlich unsere eigenen Definitionen verwenden. Wir würden nicht anhand der bisherigen Leitsymptome eine Definition erklären, sondern lieber den Unterschied der besonderen inneren Verarbeitungs- strategie zur Differenzierung herbeiziehen. Dann nämlich gäbe es (neben der nur rudimentären Ursache "phonologische Bewusstheit") mindestens zwei Arten der "Legasthenie":
zum Einen die rein in der Verarbeitungs- strategie begründeten (Hören statt Sehen), zum Anderen die durch Wahrnehmungs- verarbeitung erzwungenen Lese- und Rechtschreibschwächen, beide jedoch unter der Voraussetzung einer zumindest durchschnittlich entwickelten Intelligenz.

Das Schlagwort "phonologische Bewusstheit" müsste demnach ergänzt werden durch die "graphologische Bewusstheit" (nach Dr. Karig), um den bislang beobachteten Ursache-Wirkungs- Beziehungen gerecht zu werden.
Strategien des Gehirns
Die genaue Art, wie unser Hirn bekannte Wörter zur Erinnerung strukturiert, ist noch nicht vollständig geklärt. Es scheinen nicht komplette Worte "im Stück" abgespeichert zu sein, wie Sie anhand des folgenden Textes bemerken werden:

Usenerm Gihren shecnien tatshäclcih Angansfbsbhcubasten und Ednbcuhsbtaen zu geneügn,wnen snost alle rsetlchien Bcuhsbtaen vorhdenan snid. Zugegeben, erstmal etwas mühsam, aber manche können das flüssig und problemlos lesen.
 
Und die Schulen?
Leider beinhaltet der Lehrplan unserer Schulen sogar bis zur vierten Klassenstufe inzwischen wieder vermehrt das "Schreiben nach Gehör", was dazu führen dürfte, dass die Anzahl der Kinder mit Lese- und Schreibproblemen ansteigt. Interessanterweise reagieren auch bereits relativ rechtschreibstarke Kinder nach phonetischen Lektionen mit Verwirrung. Plötzlich wird "wir" wieder mit "ie" geschrieben, denn sie haben ja gelernt, dass langes "i" ein "ie" ist.

Anstelle die Kinder darauf aufmerksam zu machen, dass ein Wort höchstwahrschein- lich richtig ist, wenn es richtig "aussieht", quält man sie mit unproduktiven Lautregeln. Diese kommen sowieso bestenfalls zum Tragen, wenn es um das Schreiben unbekannter Wörter geht - hier wäre ein Blick in den Duden wesentlich produktiver.


Möchten Sie mehr darüber erfahren?
Füllen Sie einfach folgendes Kontaktformular aus:
 

 

* Name:

  * E-Mail:
  Betreff:
  * Nachricht:
   
  * Notwendige Angaben
   
  Kontaktformular-Service